Die besten warmen Getränke zum Runterkommen am Abend
Fast jeder kennt das noch aus der Kindheit. Man bekam eine warme Tasse in die Hand gedrückt und hörte, das würde beim Einschlafen helfen. Warum genau, hat einem nie so richtig jemand erklärt.

Und trotzdem steckt tatsächlich etwas dahinter. Wärme signalisiert dem Körper, dass er sich entspannen darf, bestimmte Pflanzenstoffe wirken beruhigend auf das Nervensystem, und allein das Innehalten für eine heiße Tasse holt einen aus dem Trubel des Tages raus. Hier kommt ein ehrlicher Blick auf die Getränke, die sich lohnen, wenn man abends zur Ruhe kommen möchte, und was dabei im Körper eigentlich passiert.
Kamillentee, der Klassiker mit gutem Grund

Kamille ist meistens die erste Wahl, wenn es ums Einschlafen geht, und das kommt nicht von ungefähr. Die Blüte enthält Apigenin, einen Stoff, der an bestimmte beruhigende Rezeptoren im Gehirn andockt. Genau diese Rezeptoren sind auch das Ziel vieler verschreibungspflichtiger Schlafmittel, nur eben viel sanfter angesprochen.
Es gibt inzwischen einiges an Forschung dazu. Auswertungen von über einem Dutzend klinischer Studien zeigen, dass Kamille die Schlafqualität wirklich verbessern kann, und bei älteren Erwachsenen wurden sowohl besserer Schlaf als auch mehr Erholtheit am nächsten Tag beobachtet. Nicht jede einzelne Studie zeigt einen riesigen Effekt, manche fallen eher bescheiden aus, aber insgesamt spricht das Muster dafür, dass da wirklich etwas dran ist.
Einen Beutel oder einen Löffel getrocknete Blüten für etwa fünf Minuten in heißem Wasser ziehen lassen, am besten den Dampf schon vorher kurz wirken lassen. Wer puren Kamillentee etwas fad findet, kann mit einem Löffel Honig nachhelfen. Der Tee ist koffeinfrei, magenfreundlich und ein guter Einstieg, wenn man gerade erst anfängt, sich eine Abendroutine aufzubauen.
Warme Milch, die Sache, mit der Oma recht hatte

Warme Milch wird gerne als Ammenmärchen belächelt, dabei steckt mehr Wissenschaft dahinter, als man denkt. Milch enthält Tryptophan, eine Aminosäure, aus der der Körper Serotonin baut, das dann weiter zu Melatonin umgewandelt wird. Außerdem entstehen beim Abbau der Milchproteine kleine Peptide, von denen manche an dieselben beruhigenden Rezeptoren andocken wie bei Kamille.
Der Haken ist die Menge. In einem einzigen Glas steckt relativ wenig Tryptophan, und die Forschung ist sich nicht ganz einig, ob das allein ausreicht, um müde zu machen. Genauso wichtig scheint das Ritual selbst zu sein, die Wärme in den Händen und die Tatsache, dass warme Milch für viele seit der Kindheit zum Zubettgehen dazugehört.
Wer keine Milchprodukte verträgt, bekommt mit warmer Hafer oder Mandelmilch das gleiche wohlige Gefühl, auch ohne den Tryptophan Effekt. In beiden Fällen reicht ein einfaches Glas, vielleicht mit einer Prise Zimt oder etwas Honig verfeinert.
Goldene Milch, das kuschelige Kurkuma Ritual

Goldene Milch, manchmal auch Moon Milk genannt, ist warme Milch mit Kurkuma, etwas schwarzem Pfeffer und oft noch Zimt oder Ingwer. Der Ursprung liegt im Ayurveda, das Getränk ist aber längst darüber hinaus beliebt geworden. Kurkuma gibt der Milch ihre goldene Farbe und einen milden, erdigen Geschmack, der gut zur Süße der warmen Milch passt.
Kurkuma selbst ist eher für seine entzündungshemmende Wirkung bekannt als für einen direkten Effekt auf den Schlaf. Goldene Milch verbindet also die beruhigenden Eigenschaften warmer Milch mit einem Gewürz, das in der traditionellen Heilkunde einen festen Platz hat. Der schwarze Pfeffer ist übrigens nicht nur Geschmackssache, er hilft dem Körper, den Wirkstoff im Kurkuma besser aufzunehmen.
Zum Zubereiten eine Tasse Milch mit einem halben Teelöffel Kurkuma, einer kleinen Prise Pfeffer und etwas Zimt oder Honig sanft erhitzen. Gut verquirlen, damit sich das Kurkuma nicht klumpt, und ein paar Minuten bei niedriger Hitze ziehen lassen.
Sauerkirschen, die Frucht mit echtem Melatonin

Sauerkirschen, besonders die Sorte Montmorency, gehören zu den ganz wenigen natürlichen Lebensmitteln, die tatsächlich messbare Mengen Melatonin enthalten. In mehreren kleinen klinischen Studien bekamen Teilnehmer über ein bis zwei Wochen Sauerkirschsaft, danach wurde ihr Melatoninspiegel gemessen. Der Spiegel stieg jedes Mal an, und gleichzeitig berichteten die Teilnehmer, dass sie schneller einschliefen und länger durchschliefen.
Eine Studie begleitete ältere Erwachsene mit bestehenden Schlafproblemen, eine andere gesunde Erwachsene ohne Beschwerden, und in beiden Gruppen zeigte sich eine Verbesserung. Eine neuere Übersichtsarbeit hat diese Ergebnisse bestätigt und zusätzlich Hinweise gefunden, dass Sauerkirschen auch entzündungshemmend wirken können, was den Schlaf indirekt unterstützt. Die Effekte sind eher moderat als spektakulär, aber die Ergebnisse mehrerer kleiner Studien zeigen zumindest ein ziemlich konsistentes Bild.
Für die warme Variante einfach ein kleines Glas Sauerkirschsaft mit einer Zimtstange sanft auf dem Herd erwärmen, fast wie ein Glühwein, nur milder. Am besten etwa dreißig Minuten bis eine Stunde vor dem Schlafengehen trinken, damit der Körper Zeit hat, das zusätzliche Melatonin zu nutzen. Frische Sauerkirschen gibt es nur kurz im Sommer, den Rest des Jahres greift man am besten zu Saft oder Konzentrat.
Baldrianwurzel Tee, für alle die mehr Unterstützung brauchen

Baldrian wird schon seit der Antike gegen innere Unruhe eingesetzt, und von allen pflanzlichen Mitteln hat es tatsächlich mit die stärkste wissenschaftliche Grundlage. Baldrian erhöht den Spiegel von GABA, einem beruhigenden Botenstoff im Gehirn, dem gleichen, auf den auch viele verschreibungspflichtige Angst und Schlafmittel abzielen, nur eben deutlich sanfter.
Eine bekannte Übersichtsarbeit, die sechzehn klinische Studien mit über tausend Teilnehmern zusammengefasst hat, kam zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Baldrian deutlich häufiger von besserem Schlaf berichteten als mit Placebo. Andere Übersichtsarbeiten bestätigen das im Grunde, weisen aber auch darauf hin, dass die Studienqualität stark schwankt, weil unterschiedliche Dosierungen und Zubereitungen verwendet wurden. Trotzdem taucht Baldrian immer wieder als eines der zuverlässigeren Kräuter auf und gilt bei regelmäßiger Anwendung über mehrere Wochen als recht sicher.
Ein bis zwei Teelöffel getrocknete Baldrianwurzel für zehn bis fünfzehn Minuten in heißem Wasser ziehen lassen, deutlich länger als bei Kamille, damit die Wirkstoffe sich richtig lösen können. Baldrian riecht ziemlich intensiv und erdig, manche mögen das sofort, andere brauchen etwas Gewöhnung. Viele Teemischungen kombinieren Baldrian deshalb mit etwas Sanfterem wie Melisse oder Passionsblume.
Warum das Timing genauso wichtig ist

Kein warmes Getränk kann Koffein, das noch im Körper unterwegs ist, einfach ausbremsen. Koffein hat bei den meisten Erwachsenen eine Halbwertszeit von etwa fünf bis sechs Stunden, das heißt, von dem Kaffee um drei Uhr nachmittags ist um neun Uhr abends immer noch die Hälfte aktiv. Schlafforscher empfehlen meist, sechs bis acht Stunden vor dem Schlafengehen kein Koffein mehr zu trinken, bei Empfindlichkeit lieber noch früher aufzuhören.
Genau deshalb eignen sich die Getränke aus dieser Liste so gut für den Abend, sie sind alle koffeinfrei. Kamille, warme Milch, goldene Milch, Sauerkirsche und Baldrian kommen komplett ohne Koffein aus und können deshalb bedenkenlos in der letzten Stunde vor dem Schlafen getrunken werden. Kombiniert mit gedämpftem Licht und dem Handy außer Reichweite wird das warme Getränk zu einem klaren Signal an den Körper, dass der Tag jetzt vorbei ist.
Am besten lässt man etwa dreißig Minuten zwischen dem letzten Schluck und dem Hinlegen verstreichen, damit Wärme und Ritual sich richtig entfalten können. Wichtiger als die Wahl des Getränks ist am Ende die Regelmäßigkeit, ein Getränk zu finden, das einem wirklich schmeckt, und dabei zu bleiben, bringt mehr als ständiges Wechseln.
Alles zusammengefasst
Es gibt hier kein einziges perfektes Getränk, und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Kamille ist der sanfte, gut erforschte Klassiker. Warme Milch lebt fast genauso sehr von Tradition und Gemütlichkeit wie von Chemie. Goldene Milch bringt eine würzige Note mit. Sauerkirsche liefert echtes, messbares Melatonin. Baldrian hat von allen die stärkste Forschung hinter sich, für alle, die etwas mehr Unterstützung brauchen.
Einfach das Getränk wählen, das heute Abend am meisten lockt, Wasser aufsetzen und sich die paar ruhigen Minuten gönnen, nach denen der Körper sowieso verlangt. Solche kleinen Rituale summieren sich mit der Zeit mehr, als man denkt.